Das Geheimnis um die Liebesschlösser ist noch immer nicht wirklich gelöst. Sicher ist nur, dass sie in unterschiedlichen Regionen der Welt zu finden sind, mit ganz unterschiedlichen Bedeutungen. 2010 sind sie mir in Breslau an einer Brücke zur Dominsel aufgefallen und in Florenz am Ufer des Arnos, direkt hinter den Uffizien.
Liebe pur: Eines der Schlösser am Tetraeder in Bottrop. Bild: Rheinisches Volkskundearchiv des LVR/Mirko Uhlig
Um das Phänomen der Liebesschlösser ging es hier bereits einmal. Dabei bringen Paare, Freunde und Bekannte Vorhängeschlösser an der Kölner Hohenzollernbrücke an, um einander und der anonyme Öffentlichkeit ihre Verbundenheit zu demonstrieren.
Die Brücke selbst bot bislang den Forschern Ansatzpunkte zur Interpretation: Die Flussquerung als Allegorie der Verbindung, des Übergangs von einem Kapitel zum nächsten im Strom des Lebens, also vom Junggesellendasein zur mehr oder weniger festen Beziehung.
Doch nun finden sich auch Liebesschlösser an Bauwerken, die alles andere als Brücken sind. Mein Update lässt sich bei den Stuttgarter Nachrichten nachlesen, aber auch hier.
Das zerstörte Dresden 1945. Quelle: Deutsches Bundesarchiv/ Beyer, G.
Sieben Tage, nachdem Dresden im Bombenhagel der britischen und US-amerikanischen Luftwaffe untergegangen ist, kehrt Gottfried Frühmorgen zu der Ruine in der Innenstadt zurück, die einmal das Haus seiner Familie war.
Er hatte nach dem ersten der drei Angriffe das Gebäude verlassen, seine Eltern waren in ihren Privatkeller geflüchtet. Der Straßenzug ist vollständig zerstört.
Frauen, die Kochrezepte in Blogs veröffentlichen, Musiker, die über Youtube populär werden und Interessensgruppen, die sich über Facebook organisieren: Das Web 2.0 gleicht für die Menschen, die sich nicht in diesem Medium bewegen, einer Wundertüte. Sie tragen das, was sie aus diesem Bereich erfahren, mit dem Unterton “Seht her!” vor. Der Wechsel des Mediums, von der Wirklichkeit zur virtuellen Realität, ist irgendwie hokuspokus-behaftet, sorgt für Irritation und Erstaunen.
Johannes J. Arens: Nachschlag Berlin. Zur Kultur des Essens und Trinkens in der Hauptstadt. Berlin 2010.
Der Kulturwissenschaftler Johannes J. Arens, der sich hier an anderer Stelle bereits zum Kölner Karneval geäußert hat, hat nun ein Buch zur Esskultur der Bundeshauptstadt vorgelegt. Der Blick in “Nachschlag Berlin” lohnt sich nicht allein wegen des Interviews mit dem Verfasser dieses Blogs – Thema ist natürlich die Currywurst –, sondern auch wegen des Kapitels zur Erfindung und Inszenierung der Berliner Küche.
Auch der Döner soll aus Berlin kommen
Arens macht sich auf die Suche nach Speisen, die in Berliner Kochbüchern als “gutbürgerlich” geführt werden. Will heißen: Echt, von hier. Demnach ist der frittierte Teigbatzen, in Berlin als “Pfannkuchen” und außerhalb als “Berliner” bekannt, von einem preußischen Feldbäcker im Siebenjährigen Krieg erstmals zubereitet worden. 1903 soll ein Berliner Gastwirt das Mettbrötchen kreiert haben und Kreuzberg soll die Heimat des Döner Kebab sein.
Wie bei der Currywurst ist keine dieser Entstehungsmythen nachprüfbar. Diese Speisen entziehen sich dieser Klärung nicht zuletzt, weil sie Bestandteile der Alltagskultur waren bzw. noch immer sind. Sie lagen daher bis in die jünste Vergangenheit außerhalb der Geschichtsschreibung, die bis ins 20. Jahrhundert vor allem eine genealogisch-politische war.
Zur Feier der allseits beliebten Currywurst gibt es bei Facebook mittlerweile einige Gruppen und Fanseiten, etwa hier, hier und hier. Dort finden sich nicht nur Diskussionen um die Frage, wo es die beste Wurst gibt. Hier werden auch witzige Videos eingestellt, die irgendwas mit Wurst zu tun haben.
Schon ein Phänomen für sich: Was ist eigentlich dran an der Wurst, dass Leute sie so lustig finden? Denn Heiterkeit ist garantiert, kombiniert man das Wort “Wurst” mit völlig wurst-fernen Zusammenhängen. Die Überschrift stellt also einen Versuch zur Unterhaltung dar…
Anbei aber das Protokoll eines Wortwechsels bei Facebook. Wurst ist eben Anschauungssache (zweiter Versuch). Ein schöner Streit! Mit MfG an Frank Abel.
Zum Beispiel der Schrebergarten. Ab Mitte des 19. Jahrhunderts ausgehend von Leipzig ist die Parzelle vor der Stadt das Paradies der Arbeiter, Naherholungsanlage und Gemüsebeet zugleich. Man war unter sich. Und heute? Da grenzt der Garten der Russland-Deutschen an den der türkischen Großfamilie und jungen Akademikerpaare. Die Parzelle hat ihre Spießigkeit verloren. Die Motive, einen Schrebergarten zu mieten, sind verschieden. Aber sollte die Anlage von einem Immobilienprojekt bedroht sein, dann wird aus diesen heterogenen Gruppen sicherlich eine, die für den Erhalt kämpft.
Wolfgang Kaschuba vom Instituts für Europäische Ethnologie der Humboldt-Universität zu Berlin beobachtet, wie sich um Vergleich zur Zeit um 1900 heute die Gesellschaft neu organisiert. War den Kulturforschern damals klar, welche Gruppe einer Gesellschaft den relevanten Forschungsbereich darstellen, ist die Frage heute eine andere: Welchen Teil sollen Forscher beobachten um zu Erkenntnissen über das Ganze zu gelangen?
Ob bei bayrischen Bettelhochzeiten ein Paar auf dem Misthaufen vermählt wird, ob im niedersächsischen Ganderkesee Zehntausende in ein Örtchen einfallen oder in Bonn selbst die Mitarbeiter einer Burger-Kette verkleidet sind: An Karneval, resp. Fasching, steht die Welt Kopf. Das Fest hat einen religiösen Hintergrund: Es bezieht sich auf Ostern und hängt mit der 40-tägigen Fastenzeit zusammen, die mit dem Aschermittwoch anbricht.
In den sechs Tagen davor wird die göttliche Ordnung nach katholischer Anschauung ad absurdum geführt, die Menschen gehen den weltlichen Ausschweifungen hemmungslos nach – insbesondere dem Alkoholkonsum. In Köln wird auch mit den Geschlechterrollen “op janz kölsche Aat jespielt”, weiß der Kulturwissenschaftler Johannes Arens.
Bringt Kultur Wirtschaft hervor oder Wirtschaft Kultur? Wie die Frage nach dem Huhn und dem Ei ist auch diese nicht eindeutig zu beantworten. Sicher ist jedoch, dass überall, wo Menschen zusammen leben, sie durch ihr Handeln Werte schaffen – immaterielle Werte wie Bräuche oder Gesetze, aber auch materielle Werte wie Lebensmittel und Kleidung.
Auf welchem Weg Gesellschaften diese (materiellen) Werte schaffen ist Diskussionssache, also ein Austarieren unterschiedlicher Meinungen. Um 1800 entschieden sich immer mehr Menschen, Arbeit zu rationalisieren, die Produktion in einzelne Schritte zu zerlegen und auf diesem Weg mehr Güter herzustellen: Die Industrialisierung kam in Gang.
Der Kulturwissenschaftler Gunther Hirschfelder von der Universität Bonn hat untersucht, wie sich diese wirtschaftliche Umwälzung auf das Trinkverhalten der Menschen ausgewirkt hat – also auf Kultur, die ihrerseits mit der Aufklärung den geistesgeschichtlichen Grundstein für die Industrialisierung gelegt hat.