Zum Beispiel der Schrebergarten. Ab Mitte des 19. Jahrhunderts ausgehend von Leipzig ist die Parzelle vor der Stadt das Paradies der Arbeiter, Naherholungsanlage und Gemüsebeet zugleich. Man war unter sich. Und heute? Da grenzt der Garten der Russland-Deutschen an den der türkischen Großfamilie und jungen Akademikerpaare. Die Parzelle hat ihre Spießigkeit verloren. Die Motive, einen Schrebergarten zu mieten, sind verschieden. Aber sollte die Anlage von einem Immobilienprojekt bedroht sein, dann wird aus diesen heterogenen Gruppen sicherlich eine, die für den Erhalt kämpft.
Wolfgang Kaschuba vom Instituts für Europäische Ethnologie der Humboldt-Universität zu Berlin beobachtet, wie sich um Vergleich zur Zeit um 1900 heute die Gesellschaft neu organisiert. War den Kulturforschern damals klar, welche Gruppe einer Gesellschaft den relevanten Forschungsbereich darstellen, ist die Frage heute eine andere: Welchen Teil sollen Forscher beobachten um zu Erkenntnissen über das Ganze zu gelangen?
Ob bei bayrischen Bettelhochzeiten ein Paar auf dem Misthaufen vermählt wird, ob im niedersächsischen Ganderkesee Zehntausende in ein Örtchen einfallen oder in Bonn selbst die Mitarbeiter einer Burger-Kette verkleidet sind: An Karneval, resp. Fasching, steht die Welt Kopf. Das Fest hat einen religiösen Hintergrund: Es bezieht sich auf Ostern und hängt mit der 40-tägigen Fastenzeit zusammen, die mit dem Aschermittwoch anbricht.
In den sechs Tagen davor wird die göttliche Ordnung nach katholischer Anschauung ad absurdum geführt, die Menschen gehen den weltlichen Ausschweifungen hemmungslos nach – insbesondere dem Alkoholkonsum. In Köln wird auch mit den Geschlechterrollen “op janz kölsche Aat jespielt”, weiß der Kulturwissenschaftler Johannes Arens.
Bringt Kultur Wirtschaft hervor oder Wirtschaft Kultur? Wie die Frage nach dem Huhn und dem Ei ist auch diese nicht eindeutig zu beantworten. Sicher ist jedoch, dass überall, wo Menschen zusammen leben, sie durch ihr Handeln Werte schaffen – immaterielle Werte wie Bräuche oder Gesetze, aber auch materielle Werte wie Lebensmittel und Kleidung.
Auf welchem Weg Gesellschaften diese (materiellen) Werte schaffen ist Diskussionssache, also ein Austarieren unterschiedlicher Meinungen. Um 1800 entschieden sich immer mehr Menschen, Arbeit zu rationalisieren, die Produktion in einzelne Schritte zu zerlegen und auf diesem Weg mehr Güter herzustellen: Die Industrialisierung kam in Gang.
Der Kulturwissenschaftler Gunther Hirschfelder von der Universität Bonn hat untersucht, wie sich diese wirtschaftliche Umwälzung auf das Trinkverhalten der Menschen ausgewirkt hat – also auf Kultur, die ihrerseits mit der Aufklärung den geistesgeschichtlichen Grundstein für die Industrialisierung gelegt hat.
Grenzen trennen nicht nur, sie können auch eine Wirtschaftsgrundlage sein. So ist das an der polnischen Grenze zur russischen Enklave Kalinigrad. Auf der russischen Seite sind Zigaretten billiger als auf der polnischen, und manche Kippe findet den Weg bis nach Deutschland. Hierzulande wird der Schmuggel so gut es geht bekämpft. An der Grenze bei Kalinigrad hingegen haben sich Zöllner und Schmuggler miteinander arrangiert. Man kennt einander einfach zu gut.
Mathias Wagner vom Institut für Weltgesellschaft der Universität Bielefeld hat an den drei Grenzstationen Feldforschung betrieben. Er hat das System der Verhaltenscodes am Schlagbaum beobachtet. Sein Fazit: Alles Theater.
Der Mensch war schon immer mobil: Als Jäger und Sammler durchstreifte er die Natur auf der Suche nach Nahrung. Er brach auf zu Seereisen, um seinen Horizont zu erweitern, und das in mehrfacher Hinsicht: Denn in der Ferne fand sich nicht nur neues Land (etwa für die Europäer in Amerika), sondern auch neue Gesellschaften und damit Kulturen.
Ja, unsere Vorfahren waren schon mobil. Aber hatten sie auch Bewegungsfreiheit in ihren Gesellschaften? Und welchen Spielraum haben Menschen im Zeitalter der Mobilität? Silke Göttsch-Elten vom Institut für Europäische Ethnologie/Volkskunde an der Universität Kiel hat beim Kongress der Deutschen Gesellschaft für Volkskunde 2009 das Themenfeld umrissen.
Sie leben mitunter seit Jahren im Ausland und sind dort für Unternehmen tätig. Doch so richtig kommen sie meistens in der Kultur des Gastlandes nicht an. Die deutsche Heimat bleibt der Ort der Sehnsucht, China oder Brazilien fremd und mitunter bedrohlich.
Florian von Dobeneck und Sabine Zinn-Thomas vom Institut für Volkskunde an der Universität Freiburg haben die Lebenswelt ausgesandter Mitarbeiter in Sao Paulo und Shanghai untersucht. Das Interview ist im Rahmen der Tagung www.europa-in-bewegung.de entstanden.