Beobachtungen der Gegenwartskultur und Kulturgeschichte von Markus Thierbach: “Der Mensch ist die Story”
29.Apr.2009

Süchtig nach Kraftsport

In einer ehemaligen Bäckerei in Tenever stählen junge Deutschrussen ihre Muskeln

Von Markus Thierbach/ Weser Kurier, 4. Oktober 2007

BREMEN. Schweiß rinnt Waldemar Seifert auf der Oberlippe zusammen. Der Blick ist auf sein Abbild in dem matten Spiegel konzentriert, der im „Body Club Tenever“ an der Wand im Umkleideraum lehnt. „Das ist meine Lieblingspose“, kündigt er mit starkem russischem Akzent an. Der Deutschrusse aus Sibirien stellt einen Fuß auf die Zehballen, dreht den Oberkörper zur Seite, hebt die Unterarme neben den Kopf und hält die Luft an. Seine Muskeln ragen unter der Haut hervor, als würde er seinen Atem in sie hineinpressen.

Seifert ist einer von über 200000 Aussiedlern aus der ehemaligen Sowjetunion. Sie sind überwiegend Nachkommen der deutschen Siedler, die Russland im 18. Jahrhundert angeworben hatte. Laut dem Statistischen Landesamt leben 2500 Aussiedler, auch Russlanddeutsche genannt, in Tenever. Die meisten zogen zwischen 1991 bis 1995 nach Deutschland. Seifert selbst lebt seit viereinhalb Jahren in der Bundesrepublik.

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29.Apr.2009

Moderne Sagen II: Ein Beispiel mit ganz viel Blech

alle leerNur eine „moderne Sage“

Horst Budde hat 31.754 Kronkorken gesammelt – vergeblich

von Markus Thierbach/ Kurier am Sonntag, 27. August 2006

ACHIM. 31.754 Kronkorken hat Horst Budde in den vergangenen Wochen zusammengetragen. Das sollte sein Beitrag zu einer wohl tätigen Aktion einer Bremer Brauerei sein. Von Imbissbuden, Getränkemärkten und einem Fitness-Center erhielt der Sammelwütige die Flaschenverschlüsse. Der Achimer und viele andere Menschen, die begeistert gesammelt haben, sind allerdings einer „modernen Sage“ aufgesessen.

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28.Apr.2009

Moderne Sagen I: Die 80er, das Internet und Viral Marketing

Moderne Sagen sind Erzählungen des Alltags, die von außergewöhnlichen Begebenheiten, Erscheinungen und Vorgängen handeln. Das Typische daran ist, dass sie Verunsicherung des Zuhörers über den Wahrheitsgehalt der Erzählung auslöst. Die Geschichten sind ganz nah im Alltag verankert, was sie glaubhaft macht. Zugleich klingen sie aber so außergewöhnlich, ja fantastisch, dass sie eigentlich nicht wahr sein können.

Hinzu kommt, dass die meisten Erzähler die Geschichten so wiedergeben, als hätten sie sie selbst erlebt. Zumindest aber gibt es einen extrem guten Freund, und dessen Bruder/Mutter/Kollege ist es exakt so passiert, darauf bestehen so gut wie alle Erzähler. Die Spinne in der Jucca-Palme, der verschwindende Anhalter, das China-Restaurant, in dem Rattenfleisch zu Mahlzeiten verarbeitet wird: Oft werden in diesen Erzählungen latente Ängste vor dem Unbekannten, Fremden und Unheimlichen kollektiv bearbeitet.

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27.Apr.2009

Das Zeitalter der Künstlichkeit: „Als der Champagner floss“ zeigt die Kultur der 1980er Jahre

Foto: Verlag

Den Zeitgeist aus der Gegenwart heraus zu entziffern ist ein äußerst schwieriges Vorhaben. Es scheitert meistens an der Fülle der Ereignisse und Moden, der Themen und ihren Diskussionen, die die Wahrnehmung dafür vernebeln, was die Trends einer Epoche eigentlich gemeinsam haben. Denn der Zeitgeist ist zwar immer da, wird aber erst in der Rückschau richtig greifbar: Die Eindrücke haben sich gesetzt, die Vielfalt einer Zeit ist nicht mehr ganz so unüberschaubar.

So entstehen Klischees, Schablonen, die die Sicht von Millionen prägen. So entstehen aber auch Bücher, quasi Gegenentwürfe zur vorherrschenden Betrachtung, wie die von Nikolaus Jungwirth (Gründungsmitglied von „Titanic“) und Gerhard Kromschröder („Stern“-Korrespondent): „Als der Champagner floss“ ist eine ironisch-entlarvende Nahaufnahme der Alltagskultur der 1980er Jahre – schließlich haben beide Autoren bei „Pardon“ das Satiriker-Handwerk gelernt. Sie zeigen mit Werbeanzeigen, Zeitungsausschnitten und Dokumentarbildern, zwischen welchen Polen die Welt der 80er Jahre liegt: Champagner-Kraut, grell-bunte Swatch-Armbanduhren sowie Millionen von schaurigen, weil in ihrer geometrischen und kunststoff-veredelten Gestaltung alle gleich aussehenden Haustüren.

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