Ein neuer Brauch eint Pärchen in Köln
von Markus Thierbach/ Stuttgarter Nachrichten u.a., 14. Februar 2009
KÖLN. Sven L. kann sich noch genau an den Tag erinnern, als er und seine Freundin Marisa C. ihre Liebe besiegelten, mit einem Vorhängeschloss. Es war ein klarer, kalter Wintertag, die Sonne glitzerte im Schnee auf der Hohenzollernbrücke in Köln. Dort befestigten sie das Schloss an einem Absperrgitter und warfen die beiden Schlüssel über ihre Schultern hinweg in den Rhein. „Als Zeichen für unseren Anfang“, sagt die 22-jährige C.. Sie ist mit ihrem Sven (25) seit viereinhalb Monaten zusammen, heute feiert das Paar seinen ersten gemeinsamen Valentinstag.
Sie sind nicht die ersten, die in Köln mit diesem neuen Brauch sich und der Welt zeigen, wie groß die Gefühle füreinander sind. Etwa 250 Schlösser hängen bereits an den Gittern der 400 Meter langen Hohenzollernbrücke, die Gleisstrang und Fußweg voneinander trennen. Jedes Liebespaare hat sein Schloss mindestens mit Fettstift beschriftet. „In Liebe Sven&Marisa 09.01.2009“ ist auf C.s und L.s Schloss eingraviert. Spontan haben sie sich dazu entschieden, als ihr Blick auf die Auslage eines Schlüsseldienstes fiel.
Kölner kennen Liebesschlösser aus dem Urlaub
Dass Paare als Liebesbeweis Vorhängeschlösser aufhängen ist auch aus anderen Ländern bekannt. Auf der Milvische Brücke in Rom hängen sie in so großen Trauben an den gusseisernen Laternen, dass sich Denkmalschützer bereits Sorgen machten um die Stabilität der historischen Leuchten. Und in China bringen Liebespaare die Schlösser an Straßenabsperrungen an, die zu Tempeln führen. In Deutschland sind die Liebesschlösser nur aus Hitzacker an der Elbe bekannt, und eben aus Köln. Woher dieser neue Liebes-Brauch kommt, das wissen auch Kulturforscher nicht.
„Vor allem junge Menschen sind Träger dieses Brauchs“, sagt Dagmar Hänel, Volkskundlerin beim Landschaftsverband Rheinland in Bonn. Eine Umfrage ergab, dass die jungen Rheinländer die Liebesschlösser aus Urlaubsreisen kennen. Und chinesische Touristen könnten wiederum in Köln darauf aufmerksam geworden sein. Ein globaler Kulturaustausch also, zu dem die Kölner durch Mundpropaganda ihr Übriges getan haben. C. und L. jedenfalls haben von dem Brauch durch eine Freundin erfahren, die selbst bereits ein Schloss mit ihrem Liebsten aufgehängt hat.
Zeichen der Zusammengehörigkeit, Zeichen der Macht
Die Kulturforscher gehen davon aus, dass dieser Brauch, wo immer er auch her kommt, nicht vor dem 20. Jahrhundert entstanden ist. Der Grundstein für die heutige Symbolik liegt jedoch im frühen 19. Jahrhundert. Die Romantikern verstanden Schloss und Schlüssel als Zeichen der Zusammengehörigkeit, während dies im Mittelalter Insignien der Macht waren.
Die Romantik prägt unser heutiges Verständnis von Partnerschaft noch immer. Sie lebt in Liebesbriefen fort, in Herzchen, die in Baumrinden geschnitzt werden, und in den Vorhängeschlössern, der jüngsten Form des Liebesbekenntnisses.
Ihre wachsende Beliebtheit könnte sich aus den heutigen Lebensumständen der Generation der Twens erklären. Bei ihnen ist noch alles im Fluss, das Leben noch nicht ganz in festen Bahnen: Sie sind in der Ausbildung, sie studieren. Ihnen geht es darum, etwas zu erleben, die Welt zu sehen. Auch C. und L. leben in einer Phase der krassen Umbrüche: Sie haben sich bei der Arbeit in einem Hotel in Marokko kennen gelernt, sind jetzt ganz neu in Köln und jobben in einem Restaurant – vorerst jedenfalls, wie es weiter geht steht noch nicht fest.
Für dieses Lebensgefühl steht die Hohenzollernbrücke und macht den Übergang zum richtigen Ort für eine Liebeserklärung per Vorhängeschloss: Mehr als 1200 Züge rollen hier über den Rhein, Tausende Passanten wechseln von der Schälsik, dem Ostufer des Stroms, in die Kölner Altstadt.
Die Fische halten Wache
Alles in Bewegung, da braucht es einen verlässlichen Partner an der Seite. Und so macht es auf der Hohenzollernbrücke immer wieder „klick“, wenn ein weiteres Paar den Bügel seines Liebesschlosses zu drückt. Das ist ein bisschen wie Verlobung, ein wenig Vermählung light, denn „klick“ klingt weniger abschreckend wie „Bis dass der Tod euch scheidet“ und gibt trotzdem Halt im Strudel des Lebens. Die Partner machen einander deutlich, dass die Verbindung zwischen ihnen nicht durch ihre eigenen Hände, sondern nur durch Schicksal gelöst werden kann.
Darüber wacht in dem einen Fall der liebe Gott, im anderen die Fische, die im Rhein schwimmen. Aber keines der Pärchen dürfte daran gedacht haben, dass die Deutsche Bahn sich einmal anschickt, Schicksal für sie zu spielen. Die Bahner wollten kürzlich die Schlösser mit Bolzenschneidern von der Brücke abtrennen lassen. Sie hatte dabei etwas gänzlich Unromantisches im Sinn: Die Sicherheit des Bauwerks.


Es ist doch interessant wie schnell sich dieser Brauch in ganz Deutschland verbreitet. Die Liste meiner Liebespunkte muss ich immer schneller aktualisieren. Bleibt nur zu hoffen, dass die Städte den Bolzenschneider im Schrank lassen. Ansonsten könnte es ja zu einer Revolution der Verliebten kommen ;-).