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Den Zeitgeist aus der Gegenwart heraus zu entziffern ist ein äußerst schwieriges Vorhaben. Es scheitert meistens an der Fülle der Ereignisse und Moden, der Themen und ihren Diskussionen, die die Wahrnehmung dafür vernebeln, was die Trends einer Epoche eigentlich gemeinsam haben. Denn der Zeitgeist ist zwar immer da, wird aber erst in der Rückschau richtig greifbar: Die Eindrücke haben sich gesetzt, die Vielfalt einer Zeit ist nicht mehr ganz so unüberschaubar.
So entstehen Klischees, Schablonen, die die Sicht von Millionen prägen. So entstehen aber auch Bücher, quasi Gegenentwürfe zur vorherrschenden Betrachtung, wie die von Nikolaus Jungwirth (Gründungsmitglied von „Titanic“) und Gerhard Kromschröder („Stern“-Korrespondent): „Als der Champagner floss“ ist eine ironisch-entlarvende Nahaufnahme der Alltagskultur der 1980er Jahre – schließlich haben beide Autoren bei „Pardon“ das Satiriker-Handwerk gelernt. Sie zeigen mit Werbeanzeigen, Zeitungsausschnitten und Dokumentarbildern, zwischen welchen Polen die Welt der 80er Jahre liegt: Champagner-Kraut, grell-bunte Swatch-Armbanduhren sowie Millionen von schaurigen, weil in ihrer geometrischen und kunststoff-veredelten Gestaltung alle gleich aussehenden Haustüren.
Neben den Dingen zeigen die Autoren aber auch die Typen, die diese Zeit hervor gebracht hat. Da ist etwa der erfolgreiche, dynamische und egozentrische Aktienspekulant, der ständig auf dem Sprung ins Büro oder ins Fitnesscenter ist. Indes beherrscht sein kleiner Bruder mit affektierten Tanzeinlagen die Disco, die sich endgültig vom Ort der Auflehnung gegen biedere Tanzstunden zur professionellen Vergnügungsstätte gewandelt hat. Hier ist die Künstlichkeit greifbar, die den 80er Jahren oft nachgesagt wird.
Mit „Als der Champagner floss“ spüren Jungwirth und Kromschröder nicht zum ersten Mal den Dingen nach, die es nicht zum Klischee geschafft haben. So zeigten sie in „Die Pubertät der Republik“ (1978) die 50er Jahre nicht als die Zeit des gefeierten Wirtschaftswunders, sondern vielmehr der allgegenwärtigen Affekt-Kontrolle. In „Flokati-Fieber“(1994) über die 70er Jahre wird deutlich, dass zwei Jahrzehnte später dieses Streben nach Mittelmaß einer umfassenden Experimentierfreude mit Lebensstilen gewichen ist, in der auch die Abkehr der ganz frühen Ökos vom Streben nach Wohlstand Platz hat.
Was wird dem Autorenduo vom gegenwärtigen Jahrzehnt in Erinnerung bleiben, dem ersten im 21. Jahrhundert? Vielleicht werden sie festhalten, dass sich Öko von einem Rand- zu einem Massenphänomen entwickelt hat und dies mit Bildern von Bio-Supermärkten illustrieren. Sie werden Fußgängerzonen voller Menschen zeigen, die sich uniform in teure Outdoorjacken kleiden, um zeitgemäß ihre gefühlte Nähe zur Natur zu demonstrieren. Und Jungwirth und Kromschröder könnten daran erinnern, dass der Börsenspekulant als Prototyp des Erfolgsmenschen sich selbst erledigt hat.
Derart fulminant wie durch die Finanzkrise wandelt sich die Welt des Alltags selten, sondern eher schleichend und leise. Gut, dass das jemand dokumentiert.
Nikolaus Jungwirth/Gerhard Kromschröder
Als der Champagner floss: Das letzte Jahrzehnt der Bonner Republik
144 Seiten, 70 Abbildungen, 21 x 28 cm, Softcover, 22.80 Euro, ISBN 978-3-940599-02-5

