In diesen Tagen ist viel die Rede von Herbert Grönemeyer, von Gerhard Schröder und Schimanski. Es fallen die Namen der üblichen Verdächtigen, wenn es um die Currywurst geht. Der Anlass des Tammtamms: Currywurstmuseum! Na bitte.
Ein Name darf in dieser Reihe nie fehlen: Herta Heuwer, die die Currywurst erfunden haben will. Das steht allerdings noch lange nicht so fest, wie wir geneigt sind zu glauben.
Nur soviel zur Geschichte
Es ist sehr bedauerlich, dass Herta Heuwer bereits das Zeitliche gesegnet hat. Sie wird als die Mutter der Currywurst gehandelt, da sie behauptet, am 4. September 1949 erstmals diese Speise zubereitet zu haben. Tatsächlich hat sie sich zehn Jahre später, im Januar 1959, ein Patent auf die Kreation “Chillup-Sauce” geben lassen. Wie gesagt: Schade, dass sie nicht mehr zu sprechen ist. Denn dann hätte man sie einmal gewissenhaft befragen können, wie es aus ihrer Sicht zur Currywurst gekommen ist:
“Sie hob die Cörrywurscht am 4. September [1949] aus der Taufe. Es regnete in Strömen, als Herta Heuwer in ihrer bescheidenen Wurstbude an der Charlottenburger Ecke Kant-/Kaiser-Friedrich-Straße, die ihr Mann nach der Währungsreform provisorisch zusammengezimmert hatte, auf Kundschaft wartete. Doch vergeblich, keine hungrigen Mäuler ließen sich am ,Stutti‘ blicken. Herta fror und beschloß, sich erst einmal selbst kräftig zu stärken. Emsig mixte und probierte sie ein Dutzend Gewürzmischungen aus, patschte Ketchup drauf und übergoß eine fein geschnippelte Bratwurst – das war die Geburtsstunde der Currywü(r)ste.”
Autor dieser Zeilen ist der Journalist Ulrich Kubisch, der 1983 im Berliner Stadtmagazin “Zitty” als erster die Erfindungsgeschichte der Currywurst kolportiert hat. Dieser ironische Unterton sollte zum Begleiter der Currywurst in Medienberichten werden.
Eine ganz andere Version erzählte Heuwer dem Radiojournalist Gerd Rüdiger, die in seinem Buch “Currywurst: Ein anderer Führer durch Berlin” nachzulesen ist:
“Die Geschichte ist viel weniger prosaisch und fast so trist, wie das Wetter, an das sich Herta Heuwer noch genauso gut erinnert, wie daran, daß sie sich viele Gewürze, alle, die sie bekommen konnte, bei einer Firma, die nur ausländische Gewürze anbot, bestellt hatte und daß sie nicht ziellos drauflosmixte, sondern mit dem festen Ziel ihren Kunden etwas ganz besonderes zu bieten.”
“Zehn bis zwölf Gewürze sollen´s gewesen sein. Kein Geheimnis macht sie um das Tomatenmark, das sie in 250-Liter-Kübeln geliefert bekam. [...] [,]Nein,
Himmelsakrament! Es wird immer wieder behauptet von meiner furchtbaren Konkurrenz, daß das Ketchup war. Aber ich habe nie Ketchup genommen.[’]“
Auch diese Version wird gerne nacherzählt, sie klingt doch so schön erdig. Doch was sich nach einer guten Geschichte anhört hat Pferdefüße: Der 4. September 1949 war laut Wetterzentrale kein regnerischer Tag für Berlin, sondern ein warmer und sonniger. Und mit welchen Hilfsmitteln konnten Tomatenmarkkübel von mehreren hundert Kilo Gewicht bewegt werden, in einer Zeit vor Gabelstapler und Lkw-Kran?
Heuwer bleibt farblos
So unklar die genauen Umständen der vermeintlichen Erfindung bleiben, so bleibt auch die Person Herta Heuwers äußerst farblos. Nichts ist zu erfahren über Heuwers familiären Hintergrund, außer dem Fakt, dass sie aus Königsberg nach Berlin gekommen war. Wir erfahren nicht, wie sie ihre Ware bezog, was sie außerdem im Angebot hatte, nichts über ihren Arbeitsalltag, ihre Geräte und über die Kundschaft.
Wer war Herta Heuwer? Inwieweit sich das Currywurstmuseum dieser Frage annimmt muss man erst noch bei einem Besuch sehen. Aber sie scheint eine hervorragend Geschäftsfrau gewesen zu sein. Sie hat es geschafft sich als Mutter der Currywurst zu inszenieren. Und den Sinn, sich eine Sauce patentieren zu lassen, muss man auch erstmal haben. Es kann jeder andere Imbissbudenbetreiber Berlins gewesen sein.
Sei´s drum, dann bleibt die Wurst halt bei ihr. Nie wird soviel gelogen wie nach einer Jagd, im Krieg und bei der Wurstgewinnung, das wusste schon Bismarck (frei zitiert). Viel interessanter als die Urheberrechtsfrage ist sowieso anderes am Phänomen Currywurst:
- Die Ikonisierung der Speise, die zusammenhängt mit der Frage nach der
- Currywurst als Teil der Identitätsbildung, besonders in Berlin und im Ruhrgebiet, damit verbunden die
- kulinarische Abgrenzung von der türkischen Döner-Kultur, also das Verständnis der Currywurst als deutsches Kulturgut
- Die Tradierung und Folklorisierung der Speise
- Die Ironisierung der Speise in den Medien
- Die Mythologisierung der Currywurst
Zum letzten Punkt schon einmal hier die Antwort: Jede gute Story schlägt jede komplizierte Wahrheit, besonders wenn die Wahrheit schwer zu finden ist – wie im Fall der Currywurst.
Die Frage, warum wir überhaupt einen Darm gefüllt mit einer mutmaßlich Fleisch enthaltenden Masse zu essen bereit sind, wird demnächst hier Thema sein. Wozu habe ich sonst meine Magisterarbeit zum Thema Currywurst-Verzehr geschrieben.


[...] Currywurst revisited [...]