365.000 Besucher in fünf Monaten sind für eine bayerische Landesausstellung eine Menge Holz: Das Thema “Wiederaufbau und Wirtschaftswunder” hatte die Menschen in die Würzburger Residenz gelockt.
Beim Veranstalter, dem Haus der Bayerischen Geschichte (HdBG), führt man den Erfolg der Schau freimütig darauf zurück, dass das Ticket kombiniert war mit dem Eintritt zur atemberaubenden Residenz, die alleine bereits pro Jahr 200.000 Menschen anzieht. Davon habe die Landesausstellung profitiert. Das hat aber nur einen Teil des Erfolgs ausgemacht.
Krise total
Die jüngsten Wirtschaftsmeldungen sind alles andere als positiv: Die schwarz-gelbe Koalition stellt fest, dass das Steuersäckl geplünderter ist als sie vorgab zu wissen, die Arbeitslosigkeit unter Akademikern schnellt hoch, die Löhne und Renten fallen. Der Auslöser kann bzw. muss – je nach Blickwinkel – in der Finanzkrise gesehen werden. Deren Eindämmung könnte die Europäische Union knapp zwei Billionen Euro kosten.
Wir sind also von Kopf bis Fuß auf Krise eingestellt. Davon, dass das Desaster überstanden ist, ist zwar immer wieder die Rede, aber ebenso oft davon, dass es noch schlimmer werde. Wie ermutigend ist es da zu hören, dass es eine Zeit gab, in der eine Gesellschaft kollektiv dem Licht am Ende des Tunnels entgegen ging mit dem Gefühl, dass es ja nur besser werden kann, dabei alte Strukturen überwindet und mit der Hände Arbeit sowie Stolz eine neue Welt schafft. Wir sind wieder wer, hier kommt das Wirtschaftswunder! Und Fußballweltmeister sind wir auch.
Sedierende Wirkung
Auch das Beleuchtungskonzept schien den historischen Wandel in der Ausstellung transportieren zu wollen: Im Abschnitt Kriegsende/Wiederaufbau war das Licht grau und gedämpft, im Bereich Wirtschaftswunder dagegen quoll es wie aus einem sommerblauen Himmel hervor.
Insofern dürfte sich mancher Besucher bei diesem Thema eine sedierende Wirkung von der Ausstellung erhofft haben, eine Art Altötting-Walfahrt für Krisen-Gebeutelte. Man könnte es daher genial nennen, diesen äußerst positiv besetzten Zeitraum des Wirtschaftswunders gerade jetzt im Jahr 2009 zum Thema der Bayerischen Landesausstellung gemacht zu haben. Tatsächlich liefen die Vorbereitungen bereits vor vier Jahren an, damals waren nur Bankern Dinge wie Hypothekenpakete bekannt.
Identifizierung mit der Schau
Das passende Ausstellungsthema zur rechten Zeit: So erklärt sich ein Teil des Besuchererfolgs. Ein anderer Teil ist darin zu finden, dass es ein “volksnahes” Thema war, zu dem zumindest die älteren Besucher noch einen direkten Zugang hatten. Wiederaufbau und Wirtschaftswunder ist Teil ihrer Biografie, die Schau eine Reise zurück in ihre Kindheit. Und dass die Ausstellungsmacher sehr eng mit der Würzburger Bevölkerungen zusammen gearbeitet hat – Leihgaben von Ausstellungsstücken, Interviews – förderte die Identifizierung vorort mit der Schau.
„Adel in Bayern”, das Thema der Landesausstellung 2008, zog nur 187.000 Besucher an, obwohl sie in der Burg Hohenaschau untergebracht war, einem Schmuckkästchen, das sonst nur verhalten geöffnet wird. 2007 kamen sogar nur 86.000 Besucher, Thema war damals “Bayern-Böhmen”. Im Vergleich zu 2009 äußerst mager.
Der Osten bleibt suspekt
Die Zahlen zeigen, dass Prominenz und Oberschicht noch immer als Richtschnur funktionieren, da das Bürgertum sich im deutschsprachigen Raum immer am Adel orientiert hat. Gen Osten, also Böhmen, mochte wohl niemand blicken, weil der Osten uns auch nach dem Ende des Kalten Krieges suspekt bleibt. Es fehlen stark positive Assoziationen, die tief in der Gesellschaft verankert sind.
Anders da Italien, Land der leichten Küche, Amore und des Urlaubsglücks. Bayerns Landeshauptstadt lässt sich sogar gerne “nördlichste Stadt Italiens” nennen, was bei der Architektur auf der Ludwigstraße augenfällig wird. Die Geschichte, die Bayern und Italien verbindet, wird in Augsburg im Bayerischen Textilmuseum (Tim) und im Maximilianmuseum sowie in Füssen im Kloster St. Mang vom 21. Mai bis 10. Oktober 2010 zu sehen sein.


