Beobachtungen der Gegenwartskultur und Kulturgeschichte von Markus Thierbach: “Der Mensch ist die Story”
28.Okt.2009

100 Jahre Jugendherberge

Die Wandervögel, der Lehrer Schirrmann und der Puls der Zeit

Foto: DJH

Junge Wanderer. Undatierte Aufnahme. Foto: DJH

von Markus Thierbach/ General-Anzeiger Bonn u.a.

Wandern ist in, um genau zu sein: Wandern als Vehikel zur Sinnsuche ist in. Hape Kerkelings Jakobsweg-Tagebuch „Ich bin dann mal weg“ verkauft sich noch immer stapelweise. Schon einmal, vor einhundert Jahren, war die Begeisterung für diese Art der Selbsterfahrung ähnlich groß.

Zu der Zeit hatte ein Lehrer aus dem Sauerland die Idee, ein Netzwerk von Jugendherbergen aufzubauen. Richard Schirrmann war damit im August 1909 am Puls seiner Zeit – und sog eine Subkultur auf.

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Die Menschen im Deutschen Reich um 1900 sind hin und her gerissen: Sie leben und arbeiten unter immer ökonomisch-rationaleren Bedingungen mit all ihren positiven Effekten wie der Überwindung des Hungers. Doch zugleich spüren sie die Entfremdung durch monotone Arbeit in immer anonymer werdenden Städten, die wie Essen im Ruhrgebiet binnen drei Jahrzehnten ihre Einwohnerzahl verdreifachen. Der Fortschritt wird zur Sinnsuche, und dieser Weg führt viele Menschen in die Natur.

Wandern gegen den Fortschritt

Das hatten die Romantiker einhundert Jahre früher vorgemacht. In ihrem geistigen Fahrwasser entstehen im 19. Jahrhundert Gebirgs- und Wandervereine, das Bürgertum institutionalisiert sein Verhältnis zur Natur. Ab und an in den Wald zu gehen reicht, um sich mit dem Fortschritt abfinden zu können.

Die Jugend hingegen nimmt die Sache ernster. In Berlin-Steglitz formiert sich 1896 eine Gruppe Schüler um den jungen Studenten Hermann Hoffmann, der ihnen Stenographie beibringt und sie immer wieder auf tagelange Wanderungen führt. Hier finden sich zusammen jene Schüler aus bürgerlichem Haus, die genug haben vom Lebensstil ihrer Eltern, den sie als verkrustet und konventionell erleben.

Hans Blüher, der die Bewegung von ganz früh an mit erlebt, schreibt 1912 in einem frühen Rückblick: „Der Wandervogel ist bis in sein Letztes romantischen Geblüts, das Edelste und Feinste und das Wildeste zugleich, das je eine Jugend hatte schaffen können, ohne einen Deut nach der Generation ihrer Väter zu fragen.“ So stilisiert sich die bürgerliche Jugend zu Rebellen und ist doch nicht so frei, wie sie sich selbst gibt.

Eltern lassen ihre Kinder gewähren

Das Aufbegehren wird von Erwachsenen kontrolliert: Der Direktor des Steglitzer Gymnasiums duldet die Formierung der frühen Wandervögel an seiner Schule. Ab der Vereinsgründung 1901 fungieren Eltern und Lehrer in Aufsichts- und Beratergremien. Und wenn die Schüler schon nicht nach der Generation der Väter fragt, so doch nach ihrer finanziellen und ideellen Unterstützung.

Beides erhalten die Wandervögel bereitwillig kraft ihrer Jugend, das weite Kreise der Gesellschaft als ein Synonym für Fortschritt verstehen.

Das genügt den Schülern, um sich beim Wandern frei zu fühlen – oder „auf Fahrt gehen“, wie die Wandervögel ihre Freizeitgestaltung nennen. Zwischen den Begriffen besteht ein Unterschied: Wandern, das ist etwas für den Herrn Vater und die Frau Mutter, die sich Sonntags eine dreiviertel Stunde lang die Beine im Stadtwald vertreten. Gewandert waren zuvor auch schon Studenten und Gymnasiasten ab den 1880er Jahren.

Aber auf Fahrt zu gehen war viel mehr, als einem Gasthaus oder einem Gipfel zuzustreben: Es sollte eine Selbst- und Sinnsuche im Kreis Gleichaltriger sein.

Auf der Suche nach verborgenen Plätzen

Das ist das Neue am Jugend-Wandern. Wenn die Jugendlichen in kleinen Gruppen unterwegs sind, meiden sie populäre Ausflugsziele und die Sommerfrischen als Vorposten einer entgleisten Kultur, der sie ja gerade entfliehen wollen. Sie suchen sich verborgene Plätze, machen Rast an Bachufern und an Aussichtspunkten, die allen anderen zu abgelegen sind. Diese Natur verstehen die Wandervögel als das Vernünftige und Echte.

Die Natur als Ort der Wahrheit, Wandern als Selbsterfahrungstrip: Die Wandervögel sehen sich in der Tradition der Romantiker. Im ersten Jahrzehnt des 20. Jahrhunderts sind es kaum mehr 20000 bis 30000 Schüler und junge Studenten. Und dann kommt der Lehrer Richard Schirrmann und macht aus dem Wandern ein Massenphänomen.

Der Sonderling

Schirrmann ist moderner Reformpädagoge, der Rohrstock und frontale Wissensvermittlung ablehnt. Für seinen „dinglichen Unterricht“ ist die Natur das richtige Klassenzimmer, wo er seinen Schülern Pflanzen und Tiere erklärt, auf tagelangen Wanderungen, so wie die Wandervögel.

Foto: DJH

Richard Schirrmann. Undatierte Aufnahme. Foto: DJH

Dafür muss er sich von seinen Kollegen belächeln lassen, denn das Problem bei diesen Touren ist stets, ein Nachtquartier zu finden: An den Wanderungen sollen besonders Schüler aus armen Familien teilnehmen können. Sie will er herausführen aus ihren Elendsquartieren, in denen kein Platz ist für Natur.

Billige Unterkünfte sind aber kaum zu organisieren. Es ist eigentlich ein Unding, um 1900 mit einer Schulklasse über Tage hinweg unterwegs zu sein. Schirrmann ist auf Bauern angewiesen, die ihre Scheune als Nachtlager hergeben – für Gottes Lohn.

Gewitter im Bröltal

Damit kann der Lehrer nicht immer locken. Im Sommer 1909 ist er von Altena im Sauerland mit seiner Schulklasse aufgebrochen, um mehr als 180 Kilometer nach Aachen zu wandern. Am 26. August verlässt ihn das Glück. Kein Bauer bietet Einlass im Bröltal nahe Siegburg, es gewittert. Schließlich dürften seine durchnässten Schüler in einem leergeräumten Klassenzimmer übernachten.

Und da kommt Schirrmann die Idee, ein Netz von Herbergen für Schulklassen auf Wanderschaft aufzubauen.

So jedenfalls geht die Schöpfungsgeschichte des späteren Jugendherbergswerk, die sich das Bürgertum, die Schicht der höheren Angestellten, Akademikern und Beamten, gerne von Schirrmann erzählen lässt: Da entzieht ein Lehrer die Arbeiterkinder den Jugendorganisationen der sozialistischen Parteien, deren beständige Forderung nach politischem Mitspracherecht den Kaisertreuen lästig war.

Ein Heer gesunder junger Soldaten

Statt sie gegen die bestehende Ordnung aufzustacheln, zeigt er den Kindern, wie schön ihre Heimat ist und fördert damit den Nationalismus. Zumal wandern fit hält. Ein Heer gesunder junger Soldaten – auch diese Vorstellung kommt im militaristischen Zeitalter unter Kaiser Wilhelm II. gut an, der sich selbst stets in Paradeuniform zeigt.

Was hält Schirrmann selbst von diesen Dingen? In seiner ersten programmatischen Schrift für die Jugendherbergs-Idee, die in einer Pädagogen-Zeitschrift erscheint und dann auch in Tageszeitungen nachgedruckt wird, schreibt Schirrmann 1909 über seine Klassenfahrten träumerisch: „An warmen Tagen ziehen wir am Bach Schuhe und Strümpfe aus, plätschern im Wasser und laufen mit Wonne auf dem weichen Grasteppich um die Wette.“

Es ist aber auch die Rede von der „Gesunderhaltung der Jugend“ sowie vom „wahren Reichtum eines Volkes: … vaterlandsliebende Männer und Frauen.“

Berufung zum Lehrer

Wer war dieser „wanderdolle Lehrer“, wie ihn ein Teil seiner Kollegen verspottet und der sich in seinem Programm direkt auf die Wandervögel bezieht?

1874 wird Schirrmann in Grunenberg/Ostpreußen geboren, als erstes von sechs Kindern. Vielleicht fühlt er deshalb, als ältester Bruder, früh die innere Berufung zum Lehrer, wie er später erzählt. Nach der Ausbildung am Lehrerseminar erkundet er mit seiner Klasse die Umgebung, und so macht er 1901 nach seiner Versetzung nach Gelsenkirchen weiter.

Er sieht das Elend der Arbeiterkinder, in welch unnatürlicher Umgebung sie leben müssen: Die Schüler kennen Fisch nur aus der Ladenvitrine. Er will ihn abseits von „Stank und Staub der Industrie und Großstadt“ die Bäche zeigen, in denen sie schwimmen.

Werbe-Tricks

Nein, Schirrmann ist Romantiker, aber nicht Verführer – jedenfalls nicht der Jugend. Allerdings ist ihm klar, dass er nur mit Unterstützung aus der oberen Mittelschicht sein Idee des Jugendherbergswerk verwirklichen kann. An den nationalistischen Gefühlen seiner Zeitgenossen zu rühren ist ein Werbe-Trick, um sie zu gewinnen.

Der Lehrer aus dem Sauerland wird bis zu seinem Tod 1961 nie müde werden, weiter für die Jugendherbergen zu trommeln.

Mit Erfolg: Bald nach der Veröffentlichung seines ersten Aufsatzes 1909 und weiteren Präsentionen seiner Idee bieten Gemeinden Gebäude als Herbergen an, von Privatpersonen fließen Geld- sowie Sachspenden und das Militär verspricht wandernden Schulklassen Gratis-Kantinenessen.

Die erste Jugendherberge

Schirrmann richtet zusammen mit seinem Wegbegleiter der ersten Stunde, dem Fabrikant Wilhelm Münker, erste provisorische Lager in Turnhallen, Schulräumen und Kasernen ein. 1913 sind es an Rhein und Ruhr schon 85, einschließlich der ersten dauerhaften Jugendherberge auf Burg Altena. Diese neue Infrastruktur nutzten 20000 Schüler.

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Die Jugendherberge Burg Altena heute. Foto: DJH

Nach dem Ersten Weltkrieg erweitert sich das Netzwerk rasant, bis es Ende 1932 fast 30 Millionen Übernachtungen in 2100 Herbergen zählt. 250 Vereine und Verbände mit Jugendabteilungen sind Mitglied im „Reichsverband für deutsche Jugendherbergen“, von proletarisch bis rechts-konservativ: Die Arbeiter-Samariter, die Zollbeamten, die Frontsoldaten.

Faszinierende Subkultur

Schirrmann hat sie alle hinter sich, denn er bietet mit seinen Herbergen ein Netzwerk, auf das in den 1920er Jahren alle Zugriff haben wollen. Zum einen hatte die Jugend das Wandern nach Wandervogelart als eine faszinierende Subkultur wahr genommen. Zum andern war bei Erwachsenen der Glaube an den Mythos Jugend, der Zukunft und Erfolg verheißt, noch stärker geworden als vor dem Ersten Weltkrieg.

Nicht umsonst kommt in der Weimarer Republik, in der Parteien einander Macht abzuringen versuchen, das Wort „Jugendpolitik“ auf. Die politischen Organisationen wollen jede für sich die Jugend gewinnen, um ihren Einfluss auf Politik und Gesellschaft zu verstärken.

Die Wandertouren, die sie nun anbieten, dienen dabei mit Lagerfeuerromantik und Übernachtungen im Schlafsaal als Mitgliedermagnet. In einem selbst verstärkenden Prozess entsteht ein Massenphänomen.

Überparteilichen Charakter

Schirrmann hält den „Reichsverband für deutsche Jugendherbergen“ aus Kontroversen zwischen den Organisationen heraus, betont den überparteilichen Charakter der Herbergen und verfolgt damit seine alten Ziele von Natur- und Gemeinschaftserfahrung: „Unser Wandern nach Wandervogelart schleift Standesunterschiede ab.“

Der Traum der Wandervögel sieht mit der egalitären Volksgemeinschaft ähnlich aus. Die Bürgerskindern tun jedoch kaum etwas, um ihre Utopie zu verwirklichen. Stattdessen beschäftigen sie sich mit Auseinandersetzungen untereinander, die zu immer neuen Abspaltungen führen.

Einige davon lehnen zu anfangs die Jugendherbergen mit ihren strengen und vor allem erwachsenen Leitern ab. In den 1920er Jahren aber reiht sich der Bund der Wandervögel als Mitglied des Jugendherbergwerks ein.

Die Vordenker werden von der Masse aufgesaugt.

1 Kommentar »

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    Kommentar von Gudrun Schirrmann — 28/10/2009 @ 17:51

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