Es heißt, sie bringe viel Gutes, aber in ihrer Nähe schläft es sich schlecht. “Tickticktick” macht sie unaufhörlich, jedoch ist sie keine mechanische Uhr. Sie winkt zum Gruß und ist doch nicht der Grüßaugustus. Und obendrein ist sie ziemlich neu in unserem Kulturkreis.
Manekineko stammt aus Japan. Die Figur einer pummeligen Katze sitzt aufrecht auf den Hinterbeinen, hält in der einen Pfote eine Münze vor dem Bauch und winkt mit der anderen Tatze, die sie erhoben hat, dem Betrachter zu. Der Arm wird von einem Motor angetrieben, der das Ticken aus dem Innnern des Kunststoff- oder Porzellankörpers von sich gibt.
Wer ist Manekineko und was führt sie in europäische Schaufenster und Wohnzimmer?
Die im Folgenden … dargestellte Legende über den Ursprung der Verehrung der Katze als Glücksbringer rankt sich um den Gotokuji in Setagaya in Edeo; der Vorsteher dieses verarmten Tempels hielt eine (weiße) Katze, die er in seiner Not eines Tages um Vergeltung für all das bat, das er bereits für sie getan hatte. Die Katze setzte sich daraufhin vor das Tempeltor, und zog mit der Geste ihrer erhobenen Pfote die Aufmerksamkeit einer vorbeireitenden Gruppe Samurai auf sich.
Der Fürst von Hikone, Li Naotaka, und seine Gefolgsleute, die sich auf dem Rückweg von der Falkenjagd befanden, folgten der Katze in den Tempel … . Der Fürst ist von dieser schicksalhaften Begegnung so berührt, dass der Gotokuji schließlich zum Familientempel der fürstlichen Familie wird, in dem sogar die Katze nach ihrem Tod begraben und verehrt wird. Auch hier seien als Manekineko bezeichnete Figuren mit Erfolg verkauft worden.
So fasst die Japanologin Sabine Binder die wohl populärste japanische Erzählung über Manekineko zusammen. Auch in anderen Manekineko-Legenden tritt die Katze als Wohltäter und sogar als Retter auf, der zu Ehren ihr Abbild reißenden Absatz findet. Ziemlich schmeichelhaft für dieses Tier, jedoch nicht verwunderlich.
Vermenschlichung der Katze
Seit ihrer Einführung in Japan aus China war sie das Lieblingstier der Herrscher, ein Statusobjekt. Binder, die sich in ihrer Magisterarbeit mit der Stellung der Katze in Japan beschäftigt hat und dazu japanischsprachige Literatur heranzog, schreibt über den Hof des Kaisers Ichijo (10. bis 11. Jahrhundert):
So war die Katze nicht nur dem Namen nach, sondern auch in Wirklichkeit ein Teil des Adels, und die Hofbediensteten und die Hofdamen mussten ihr auch so begegnen. Allerdings billigten offenbar nicht alle Hofangehörigen die vermenschlichte Stellung der Katze; so wird berichtet, dass die Gleichbehandlung von Mensch und Tier als etwas “Unerhörtes” und Lächerliches auch auf Kritik stieß.
Noch verliebter in Katzen können nur die alten Ägypter gewesen sein. Jedoch war die Verehrung für diese Tiere nicht uneingeschränkt: Katzenhaut wurden als Trommelfell verwendet, es war einfach geschmeidiger als das von Hunden.
Achtung, schwarze Katze
Ähnlich scheint es in Europa gewesen zu sein. Im Mittelalter waren Katzen hoch angesehene Palastbewohner, die selten und daher teuer waren. Dass eine schwarze Katze aber ebenso nichts Gutes bedeutet für eine Person, deren Weg sie quert, ist nur der populärste und bis heute bekannteste Vorbehalt. Das mit größter Vorsicht zu genießende Handwörterbuch des deutschen Aberglaubens kennt da noch viel Abstruseres:
Wen die Katze beim Waschen länger ansieht, der wird gescholten; streckt sie dabei die Hinterbeine lang, so gibt es Schläge, weil sie da gleichsam mit einem Stock droht. … Aus der Art, wie eine Katze frißt, läßt sich auf teure oder gute Zeiten schließen: läßt sie Krümeln liegen, so wird das Korn billig. Beim Wohnungswechsel darf die Katze nicht gleich mitgenommen werden, sonst gibt es bald einen Todesfall.
Das Verhältnis zur Katze ist also noch immer von Ambivalenz geprägt. Ihrem Verhalten wird hohe Symbolkraft zugeschrieben, magische Fähigkeiten soll sie haben. Zugleich ist sie heute neben dem Hund unser liebstes Haustier und auch in Japan Favorit. Und das hat der Manekineko die Tür zu Deutschland und anderen westlichen Industrienationen geöffnet. Wir sind an Katzen als Haustiere gewöhnt, sie sind kaum noch Nutztier und ganz sicher nicht Ungeziefer. Würde eine Küchenschabe winken hätte dieser Kulturtransfer nicht funktioniert, da sie in der westlichen Welt durchweg mit Abneigung und Ekel besetzt ist.
Irgendwas mit Glück
In Japan spendet Manekineko Glück und Wohlstand. Mit dieser Bedeutung ist die Winkekatze, der der Autor erstmals 2004 in Berlin begegnet ist, auch bei uns besetzt. Ihre hiesigen Besitzer kennen jedoch selten ihre Legende, die oben zitierte Erzählung wie auch andere sind fast durchweg unbekannt. Rudimentär ist bekannt, dass sie irgendwas mit Glück zu tun haben soll.
Vielmehr wird Manekineko als ein Zitat japanischer Popkultur verstanden, deren Reiz in der für uns ungewohnten Ordnung der Dinge liegt: Die Statue einer winkenden Katze ist schon herrlich seltsam. Tickticktick, Japan bleibt ein Phantasma.


