Beobachtungen der Gegenwartskultur und Kulturgeschichte von Markus Thierbach: “Der Mensch ist die Story”
13.Apr.2010

Das Web 2.0 hieß früher nur anders

Frauen, die Kochrezepte in Blogs veröffentlichen, Musiker, die über Youtube populär werden und Interessensgruppen, die sich über Facebook organisieren: Das Web 2.0 gleicht für die Menschen, die sich nicht in diesem Medium bewegen, einer Wundertüte. Sie tragen das, was sie aus diesem Bereich erfahren, mit dem Unterton “Seht her!” vor. Der Wechsel des Mediums, von der Wirklichkeit zur virtuellen Realität, ist irgendwie hokuspokus-behaftet, sorgt für Irritation und Erstaunen.

Doch das Web 2.0 ist leicht zu verstehen, wenn man sich von der Technik, durch die es möglich wird, nicht beirren lässt und stattdessen danach fragt, was die Menschen im modernen Internet treiben – also danach fragt, welche sozialen Räume sie dort haben entstehen lassen.

Zeit und Raum

Die Kommunikations- und Interaktionsplattformen sind nichts weiter als digitale Spiegel unseres Fühlens, Denkens und Handelns in der Wirklichkeit: Es geht um Vergemeinschaftung und Exponierung Einzelner, um Anerkennung und Auseinandersetzung, um Zerstreuung und ernstem Streben, um Fakten und Klatsch, um sehen und gesehen werden. Und so viele Möglichkeiten wie wir dazu in der Wirklichkeiten haben, so viele bilden sich auch online ab. Das Agieren im Web 2.0 ist dabei freier von den Zwängen, die Zeit und Raum setzen, als jede andere Kommunikations- und Interaktionsplattformen zuvor.

Wir haben uns an die Überwindung von Zeit gewöhnen können, seit die ersten Menschen Höhlen bemalt haben. Und Raum spielt spätestens seit dem Austausch von handschriftlichen Nachrichten eine immer geringer gewordene Rolle. Was ist am Web 2.0 also so verstörend neu? Die Antworten liegen in Analogien. Denn soziale Netzwerke bestehen, seit es Menschen gibt.

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